Strategische Vorausschau 2025: „Resilienz 2.0“ als Richtschnur für die langfristigen Entscheidungen Europas

Im Bericht zur strategischen Vorausschau 2025 stellt die Europäische Kommission das Konzept „Resilienz 2.0“ vor, einen zukunftsorientierten und proaktiven Ansatz. Mit Resilienz 2.0. will die Kommission die Fähigkeit Europas stärken, sich an den Wandel anzupassen, unsere Demokratie zu schützen und in einer Welt wechselnder Mächte stark und zuverlässig zu sein. Glenn Micallef, Kommissar für Generationengerechtigkeit, Jugend, Kultur und Sport sagte, Resilienz sei mehr als nur ein Slogan, sie sei unsere Pflicht gegenüber der nächsten Generation: „Deshalb schlagen wir ein neues Konzept der Resilienz vor. Resilienz 2.0 bedeutet proaktiv, transformativ und vorausschauend zu sein. Es geht darum, sich auf das Unbekannte und sogar das Unvorstellbare vorzubereiten.“

Megatrends mit Blick auf die Resilienz-Fähigkeit der EU analysiert

Der Bericht benennt verschiedene Megatrends: Klima- und Umweltübergänge beschleunigen sich, Sicherheitsbedenken nehmen zu und der globale Wettbewerb verändert Volkswirtschaften und Gesellschaften. Gleichzeitig steht Europa vor Fragen seiner strategischen Autonomie, Wettbewerbsfähigkeit, des sozialen Zusammenhalts und des Schutzes der Demokratie und der Grundwerte. 

Künftig wird auch die Auswirkung von Zukunftsszenarien getestet

Angesichts des Umfangs und der Komplexität der anstehenden Herausforderungen müssen die politischen Entscheidungsträger unbekannte oder sogar schwer vorstellbare Szenarien berücksichtigen. In dem Bericht wird die Vorausschau zu einem festen Bestandteil der EU-Politikgestaltung. Ab 2026 werden jährliche Vorausschauberichte nicht nur Trends analysieren, sondern auch testen, wie sich verschiedene Zukunftsszenarien auf Europa auswirken würden, und diese Erkenntnisse nutzen, um politische Maßnahmen in allen Bereichen zu gestalten. 

Acht Aktionsbereiche, in denen Europa seine Resilienz stärken kann: 

  1. Aufbau einer globalen Vision für die EU als starke, stabile und vertrauenswürdige Heimat und weltweiter Partner;
  2. Verstärkung der internen und externen Sicherheit mit einem technologieorientierten Ansatz;
  3. Nutzung der Macht von Technologie und Forschung zur Unterstützung von Wohlstand und Werten;
  4. Stärkung der langfristigen wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit zur Abfederung von Schocks und zur Aufrechterhaltung des Wachstums;
  5. Förderung eines nachhaltigen und inklusiven Wohlergehens als Teil des europäischenSozialmodells;
  6. Neugestaltung von Bildung und Kompetenzen zur Vorbereitung auf den technologischen und sozialen Wandel;
  7. Wahrung der Demokratie, der Medienfreiheit und des sozialen Zusammenhalts bei gleichzeitiger Bekämpfung von Desinformation;
  8. Antizipation des demografischen Wandels und Förderung der Generationengerechtigkeit.

Hintergrund

Die Europäische Kommission ist eine der weltweit führenden öffentlichen Verwaltungen mit strategischer Vorausschau. Seit 2020 veröffentlicht sie jährlich strategische Vorausschauberichte. Die Ausgabe 2025 ist die erste in diesem Mandat und baut auf den jüngsten Strategien der Kommission auf. Sie berücksichtigt u.a. Erkenntnisse zur Resilienz aus einem öffentlichen Aufruf zur Stellungnahme, Konsultationen mit institutionellen Partnern der EU im Rahmen des Europäischen Systems für Strategie- und Politikanalysen, dem Vorausschau-Netz der dezentralen EU-Agenturen und Think Tanks.

Kommentarpapier zur Strategischen Vorausschau 2025 der EU: Vision mit Lücken

Einleitung: Resilienz als europäische Pflicht?

Mit der Strategischen Vorausschau 2025 präsentiert die Europäische Kommission ein neues Leitbild für die Zukunft Europas: Resilienz 2.0. Dieses Konzept soll die EU befähigen, proaktiv, transformativ und vorausschauend auf globale Herausforderungen zu reagieren. Es ist ein ambitionierter Versuch, strategisches Denken in die politische Praxis zu integrieren. Doch wie tragfähig ist dieses Konzept wirklich?

Quelle: https://germany.representation.ec.europa.eu/news/strategische-vorausschau-2025-resilienz-20-als-richtschnur-fur-die-langfristigen-entscheidungen-2025-09-09_de

Analyse: Zwischen Anspruch und Realität

  1. Resilienz 2.0 – ein Konzept mit Unschärfen

Die Kommission beschreibt Resilienz als Fähigkeit zur Anpassung, zum Schutz demokratischer Werte und zur Vorbereitung auf das Unvorstellbare. Doch die Begriffe bleiben abstrakt. Was bedeutet „transformativ“ konkret in der Energie-, Bildungs- oder Sicherheitspolitik? Ohne klare Indikatoren droht das Konzept zur wohlklingenden Formel zu verkommen.

  1. Megatrends – richtig erkannt, aber unzureichend adressiert

Der Bericht benennt zentrale Entwicklungen: Klimawandel, geopolitische Machtverschiebungen, technologische Umbrüche. Doch die Antworten bleiben oft generisch. Gerade bei der Klimapolitik fehlt die Berücksichtigung wirtschaftlichen Interessen. Die Balance zwischen Wettbewerbsfähigkeit und ökologischer Verantwortung bleibt vage.

  1. Demokratie und Medienfreiheit – ambitioniert, aber gefährdet

Die Betonung von Demokratie und sozialem Zusammenhalt ist begrüßenswert. Doch angesichts wachsender Polarisierung, Desinformation und autoritärer Tendenzen in Teilen Europas braucht es mehr als Absichtserklärungen. Konkrete Maßnahmen zur Stärkung unabhängiger Medien und zivilgesellschaftlicher Akteure fehlen.

  1. Zukunftsszenarien – ein Fortschritt mit Risiko

Die Integration von Szenarien in die Politikgestaltung ab 2026 ist ein innovativer Schritt. Doch die Gefahr besteht, dass diese Szenarien zur Simulation verkommen, wenn sie nicht mit politischer Konsequenz verbunden werden. Vorausschau darf nicht zur Alibiplanung werden.

Acht Aktionsfelder – breit, aber nicht tief

Die acht Handlungsbereiche decken relevante Themen ab – von Bildung über Technologie bis zur Demografie. Doch die Breite geht zulasten der Tiefe. Es fehlen Prioritäten, Zielkonflikte werden nicht benannt, und die Finanzierung bleibt offen. Besonders die Frage, wie Generationengerechtigkeit konkret umgesetzt werden soll, bleibt unbeantwortet.

Fazit: Vision ja – Umsetzung fraglich

Die Strategische Vorausschau 2025 ist ein wichtiger Impuls für strategisches Denken in der EU. Sie läßt hoffen, dass die Kommission bereit ist, über den Tellerrand zu blicken. Doch ohne klare Umsetzungsschritte, verbindliche Zielvorgaben und stärkere Bürgerbeteiligung bleibt Resilienz 2.0 ein Konzept mit Potenzial – aber auch mit erheblichen Lücken.

Red01